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„Statt Überfremdung könnte uns auch Überfreundlichung ereilen“ – Medien über die neuen Ergebnisse des Sozialklimamonitors

Nicht nur Freundlichkeit, auch die Erforschung der Freundlichkeit in Deutschland ist ansteckend. Nachdem am 11. März 2019 etwa 150 Medien die Meldung der dpa über erste Ergebnisse unserer weltweiten Umfrage nach Freundlichkeit veröffentlichten, machten sich einige Fernsehanstalten daran, selbst mit der Kamera auf die Straße zu gehen. So befürchtete der Berlin-Brandenburgische RBB, dass Berlin und Brandenburg die Ergebnisse verschlechtern würden:

Das kann von uns so nicht bestätigt werden. Vielmehr gibt es in einzelnen Berliner Gegenden sogar deutschlandweite Bestwerte.
Die Kollegen vom Springer-Verlag gingen in Leipzig, Frankfurt und München auf die Straße:

Die im WELT- Bericht geäußerte Vermutung und Behauptung, Münchner gelten als „besonders freundlich“ kann allerdings aufgrund der bisherigen Ergebnisse ebenfalls nicht bestätigt werden.
Dass die Meldung eigentlich um die große Freundlichkeit in afrikanischen Armutsstaaten ging, bemerkten die meisten Medien nur am Rande. Der Deutschlandfunk machte es aber zum Titel (siehe Bild).
Wer möchte, kann unsere Ergebnisse auch auf Deutsch im Original lesen: Auf jeden Fall zeigt die große Resonanz, dass es sich lohnt, Freundlichkeit, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft zu diskutieren und lokal zu bewerten und zu fördern.
In Berlin ging die dpa-Reporterin Antonia Hofmann auf die Straße und widerlegte die These von der angeblichen Berliner Unfreundlichkeit.
Freundlichkeit ist eben keine kollektive Eigenschaft, kann deshalb auch individuell verbessert werden. Ein Kommentator des TV-Senders N-TV endete seine Meldung so:
„Das lässt das ganze Zuwanderungsthema doch wieder ganz anders erscheinen (Achtung, eigene Meinung fließt mit ein, Zwinker, Zwinker): Statt Überfremdung könnte uns auch Überfreundlichung ereilen.Quelle.

Freundlichkeit – ja, aber wie kann man sie messen und fördern?

Vor sechs Jahren, im Jahre 2013 hatten Werbestrategen von Coca-Cola die Idee, einen ‚Tag der deutschen Lebensfreude‘ auszurufen. In einer Umfrage des Forsa-Instituts ließen die Brauseverkäufer 1000 ausgewählte Teilnehmer bewerten, wie freundlich man in Deutschland miteinander umgehe.

Ganze drei Prozent bestätigten dabei ihren Landsleuten einen besonders freundlichen Umgang. Coca-Cola gründete gar ein Happiness-Institut, das jedoch angesichts der dürftigen Ergebnisse schnell wieder stillgelegt wurde. Die Studie verblieb in der Schublade.

Nicht nur in Bolivien: Freundlichkeit stärker als Gruppenzugehörigkeit

Zur Glücksforschung – legendär das Bruttosozialglück der Bhutanesen – zählt immer auch die Frage nach der Freundlichkeit. Die erscheint auf den ersten Blick einfach. So wusste im August 2018 der schwäbische Südkurier: „Freundlichkeit macht gesund und glücklich.“
Wissenschaftlicher ging man die Sache im Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie an.
In Experimenten mit bolivianischen Gartenbauern fand man heraus, dass die Teilnehmer freundliche Fremde Mitgliedern der eigenen Gruppe vorzogen.
Freundlichkeit, so das Fazit der Leipziger Forscherin Dr. Anne Pistor (im Bild rechts in Bolivien mit Francisca Oye), überbrückt Gruppenzugehörigkeit.
Wenn nun Freundlichkeit in jeder Beziehung sinnvoll und nützlich ist – warum wird sie dann nicht gemessen und sozial aufgewertet?

Das Basel Institute of Commons and Economics beschäftigt sich bereits seit 2010 damit, wie ein Indikator für Freundlichkeit entstehen könnte. 2012 gab Arne Scholz der evangelischen Zeitung Chrismon ein Interview mit dem Titel ‚Wir dürfen nicht nur das Geld zählen‘.

Hintergrund waren die jedes Jahr von der Bertelsmann-Stiftung Stiftung verbreiteten Ranglisten, in denen stets die reichsten Landkreise in allen Faktoren vorne liegen.

Die Botschaft dahinter: Nur Wirtschaftswachstum und Privatisierung helfen ärmeren Kommunen und Landkreisen.
Mit dem World Social Capital Monitor, der seit 2016 als UN-SDG-Partnerschaftsprojekt in 45 Sprachen läuft, kann nun erstmals auch die Freundlichkeit dort bewertet werden, wo sie stattfindet, wo sie gebraucht und gefördert werden kann: in jedem Ort.
Durch die neuen sozialen Medien wird Freundlichkeit nun auch in Form von Videocasts diskutiert,
so wie in diesem Video:

Allerdings nützt es keinem Ort, wenn die Bürger lesen, dass „die Deutschen“, also 82 Millionen Menschen, so freundlich oder unfreundlich seien.
Freundlichkeit beginnt mit dem Schritt aus der Haustür.
Mit der Geduld im täglichen Berufsverkehr.
Mit einem Lächeln am Telefonhörer.
Dass sie als Indikator belächelt wird, schadet ihr deshalb bestimmt nicht.

Warum die Bereitschaft, Steuern zu zahlen, ein Indikator ist

Anfang 2019 konnten die Leser von inzwischen 170 Medien eine überraschende Meldung der dpa lesen: Die Deutschen, so hieß es dort, haben im weltweiten Vergleich eine hohe Bereitschaft, Steuern zu bezahlen.
Die vom Basel Institute of Commons and Economics in der Finanzierungskommission der Vereinten Nationen veröffentlichten ersten Ergebnisse des World Social Capital Monitor zeigten in der Tat, dass im internationalen Vergleich Deutschland im Wortsinne ein Steuerparadies ist. (siehe Bild in der FAZ)

Nachdem es bisher sowohl die EU als auch die Bundesregierung ablehnten, die Bereitschaft zum Mitfinanzieren öffentlicher Güter als Indikator anzuerkennen – EU Steuerkommissar Pierre Moscovici lehnte 2017 den Indikator mit der Begründung ab, er könne Staaten auf den Gedanken bringen, diese Bereitschaft und damit die Steuern zu erhöhen – sind die UN-Nachhaltigkeitsziele und die Tax Commission der UN derzeit die einzigen Institutionen, die den neuen Indikator zulassen.

Das ist erstaunlich, denn gerade die EU und die Bundesregierung möchten ja ihre Steuereinnahmen ständig erhöhen und begründen dies mit steigenden Sozial, Umwelt- und Verteidigungsausgaben. Mit einem Jahresbudget von etwa 175 Milliarden Dollar ist die EU zudem die weltgrößte IGO (Inter Governmental Organization) – und verfügt damit über das Vierfache des Budgets der gesamten UN.
Es ist zu hoffen, dass sich diese Einstellung 2019 ändert und im Deutschen Sozialklimamonitor erstmals für alle deutschen Bundesländer und Städte nach sozialen Gütern, von denen das gesamte Gemeinwesen abhängt, gefragt werden darf: https://trustyourplace.com.

Wutbürger gegen Steuern: ‚die mit ‚7‘ bewerten, zahlen wohl keine Steuern‘

Nachdem über 170 Medien die dpa-Meldung mit unterschiedlichsten Überschriften übernommen haben, erschien auch eine Reihe von Kommentaren, die wiederum – so in der Welt – selbst kommentiert werden durften.
Beginnen wir mit der Kritik an der Studie und ihrem Ergebnis: Nachdem der Spiegel, der noch immer als Deutschlands Leitmedium gilt,  titelte ‚Deutsche zahlen ganz gerne Steuern‘, kritisierte die Welt-Kommentatorin Andrea Seibel (siehe Bild, Copyright WELT) diese Interpretation und rief ihre Landsleute auf: ‚Deutsche, zeigt Mut,seid keine Steuerlämmer!‘.

Die 365 Kommentare zeigen, dass zumindest gutverdienende Männer etwas höheren Alters diesem Aufruf folgen und ihrem Ärger Ausdruck geben, die Steuern seien ohnehin zu hoch und würden falsch ausgegeben. Unsere Frage war allerdings nicht, ob jemand persönlich gerne Steuern zahlt – ‚Zeige mir einen‘ stichelt Andrea Seibel – sondern, wie der Befragte die allgemeine Bereitschaft in seiner Umgebung bewertet, Steuern zu bezahlen. Eine Perzeptionsfrage also.
Allerdings kritisierte Andrea Seibel auch, die Ergebnisse seien nicht repräsentativ.
Nun, Frau Seibel, eine anonyme Umfrage in 45 Sprachen und 141 Ländern kann nicht repräsentativ sein. Es gibt zu unserer Art des Fragens einen englischen Methodologiereport, den man sich hier zu Gemüte führen kann.
Auch die Ludwig-Erhard-Preisträgerin und Tagesspiegel-Kolumnistin Ursula Weidenfeld hat die Meldung über die steuerwilligen Deutschen. entdeckt. Nach ihrer Meinung verwechselt man in der Meldung Akzeptanz mit Zustimmung: „Damit Menschen gern Steuern bezahlen, muss der Staat mit dem eingesammelten Geld tatsächlich zum Wohle aller umgehen. Wenn er mehr Einnahmen hat, als er zur Erledigung seiner Aufgaben braucht, muss er den Bürgern das Geld zurückgeben.“
Staatsschulden tilgen? Kein Thema. Die Steuern waren wohl ein Kredit der Bürger an den Staat? Allerdings wären dann die gesamten Staatschulden umgekehrt ein Kredit des Staates an die Bürger – ein Kredit zur Vorfinanzierung von Steuern und Vermögensabgaben, der irgendwann zurückgezahlt werden muss, natürlich nur von den Zahlungskräftigen unter den Bürgern.
Der starke Widerspruch gegen die festgestellte Solidarität der Deutschen bei der Finanzierung öffentlicher Güter ist eine Perle der Wahrnehmunsverzerrung und erinnert an den Klassiker: Die FDP hat in allen Jahren, in denen sie an der Regierung war, stets die direkten Steuern erhöht. Im Wahlkampf ist sie aber bis heute als Steuersenkungspartei aufgetreten.
Die ständig steigenden Steuereinnahmen Deutschlands sprechen also für die Validität der Umfrageergebnisse. Deutsche jammern zwar ständig über die Steuern – aber sie zahlen sie. Bürger Italiens, Albaniens, Brasiliens und Grossbritanniens beneiden sie darum.

Gefühl wird schnell mit Wissen verwechselt

Verkürzt gesagt, geschieht in unserer Umfrage Folgendes: Unsere Frage, wie man den Zustand von derzeit acht sozialen Gütern bewertet, richtet sich an den Soziologen im Befragten, als der er (oder sie) von uns angesehen wird. Wir haben durch zahlreiche Tests festgestellt, dass Bürger sehr gut ihre sozialen Güter beurteilen können – und dabei keinen Grund haben, diese durch subjektive Erlebnisse und Ansichten auf- und abzuwerten.

So haben etwa aufgrund der Berichte am 3.1.2019 wiederum Befragte anonym Deutschland bewertet. Eine Dame aus dem bayerischen Erbach, die auch qualitativ aktiv war, ‚ (Mich kotzt die hetzjagt gegen die deutsche Autobranche an), vergab eine ‚1‘, also den niedrigsten Wert. Das ist in Deutschland völlig unrealistisch und ist die erste überhaupt vergebene ‚1‘ . Sie setzte also ihren eigenen Ärger als Bewertung der Gemeinschaft.

Ein solches Protestvotum gibt es durchaus. Da aber am 3.1. 2019 auch ein Teilnehmer aus dem Münchner Vorort Ottobrunn die Steuerbereitschaft mit 9 bewertete, Teilnehmer aus Witten und Bonn mit 8, lag der Schnitt am 3. Januar sogar leicht über 7. ‚Das sind wohl die, die keine Steuern zahlen‘, vermutet Andrea Seibel in der Welt. Das wäre in der Tat eine sehr kleine und verzerrte Teilnehmergruppe. Warum aber sollte ausgerechnet die Gruppe cleverer Steuervermeider ihre Gemeinschaft so falsch einschätzen, jene Bürger also, die bei jeder Gelegenheit den Schutz ihres Eigentums durch Polizei, Grundbuchämter und Gerichte erwarten? Steuervermeider verfügen in der Regel über eine sehr fortgeschrittene soziale Intelligenz, wie sich etwa im Cum-Ex-Fall zeigt, wo sie ja nicht nur Steuern vermeiden, sondern diese stehlen und dies als ‚legal‘ bezeichnen.

Es fällt uns offen gestanden schwer, Journalisten und Mitarbeitern von Verwaltungen und Organisationen zu erklären, wie Validität entsteht und wie sie ausgewiesen wird. Die meisten glauben einfach, die Zahl von 1005 Befragten, die ‚repräsentativ‘ ausgewählt wurden, spräche gleichzeitig für die Richtigkeit und Wahrheit der Ergebnisse.

Dabei würde ja gerade im Falle dieses Indikators die Wut der Kritiker noch steigen, wenn sie hören müßten, dass eine große ‚repäsentative‘ Mehrheit von Deutschen die Bereitschaft zur Finanzierung öffentlicher Güter durch Steuern in Deutschland für hoch hält.

Alternativmedien wittern Fake News und Relotius

Während die Printmedien den dpa-Artikel mit sehr unterschiedlichen Überschriften übernahmen, diagnostizierten Alternativmedien wie sciencefiles sofort Fake News und einen neuen Fall Relotius.

Immerhin machte der Verfasser sich die Mühe, die Quelle und den Fragebogen zu recherchieren und auch den Ländervergleich zu zeigen. Er konnte nicht wissen, dass die dpa-Redakteurin uns angerufen hat und selbstverständlich ebenfalls Fragebogen und Quelle überprüfte. Also keine Fake News. Dennoch übernahmen ein Dutzend Alternativblogs diesen Bericht, der mit dem überraschenden Fazit endet:
„Aber vom Spiegel ist man Lügen zwischenzeitlich gewohnt, schon weil Lügen das Hauptwerkzeug sind, dessen sich Sozialisten bedienen.“
Der Spiegel hat populär interpretiert – gelogen ist an der Meldung nichts. Jede Regierung, nicht nur eine sozialistische, ist auf Steuern angewiesen.

Auch die russischen Sputniknews brachten einen eigenen Artikel mit dem sachlicheren Titel ‚Deutsche eifrigste Steuerzahler‘. Autor Armin Siebert machte sich auch die Mühe, diesen Artikel hier zu zitieren. Übrigens wurden beide Artikel – wie auch die in der WELT kommentiert – und die Kommentare und likes bestätigen die Stimmung, die auch in der WELT vorherrscht: Hier werde mit Regierungspropaganda versucht, dem deutschen Michel seine hart verdienten Dukaten aus der Tasche zu ziehen.

Das Vorwissen der Befragten nutzen

Es wird noch lange dauern, bis Regierungen anerkennen, das nicht nur Weltraumfahrt und Kernforschung Erkenntnisse bringen, sondern auch Sozialforschung.

Die Freiheit der Interpretation von Umfrageergebnissen kündet von einer Übermacht des Vorwissens: Gerade in sozialwissenschaftlichen Fragen und Themen meint jeder, selbst Fachfrau und Fachmann zu sein. Eben aus diesem Grund hat das Basel Institute of Commons and Economics in jahrelangen und weltweiten Tests Fragemethoden entwickelt, die genau dieses Vorwissen anerkennen, also den Befragten nicht nur als Objekt, sondern auch als Subjekt sozialwissenschaftlicher Erkenntnis zu betrachten.
Durch die neuen elektronischen Medien können Umfragen nun anonym und randomisiert durchgeführt werden. Kein Interviewer muss mehr die Antworten hervorlocken. Kein Befragter muss fürchten, wegen seiner Antwort Schwierigkeiten zu bekommen.
Open Access, offener Zugang ist der neue Weg, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Wege der Bürgerbeteiligung zu bekommen – ein Weg, den die Medien übrigens selbst mit ihren – leider meist unqualifizierten – binären Fragen oft wählen.

Das Ergebnis ist nicht nur eine niedrige, sondern eine durch alle Panels gleich niedrige mittlere Standardabweichung, wie wir sie bereits 2016 in Kambodscha nachweisen konnten. Hier die Zahlen. Wenn also jemand nach der Repräsentativität fragt, drückt er damit die Vermutung aus, die Menge der Befragten und ihre sozio-demografischen Eigenschaften, insbesondere Alter und Geschlecht, würden die Antwort stark beeinflussen. Wir sagen dann: Ja, dann müsste aber die Abweichung entsprechend gross sein. Das ist sie aber nicht. In Kambodscha liegt sie stets um 1.5. Das Maximum wäre 4.5!

Der große Erfolg des World Social Capital Monitor beruht auf der hohen Akzeptanz, die die Fragen und die Art der Befragung genießen. Der Unterschied des Monitors zu einer Repräsentativumfrage ist wie der Unterschied zwischen einer Volksabstimmung und einer Wahl: Im einen Fall beeinflusst man selbst das Ergebnis und hat das Gefühl, Mit-Entscheider zu sein.
Im anderen Fall hat man nur eine Vollmacht, im Falle der Steuern gar eine Einzugsermächtigung für Dritte erteilt.

Investment Case Frieden? Nachhaltigkeitsfonds zwischen Aktienfiltern und Paradigmenwechsel

Wie die Wirtschaftsjournalistin Susanne Bergius in ihrem aktuellen Nachhaltigkeitsnewsletter des Handelsblatts ausführt, möchten immer mehr Aktien- und Anleihenfonds die Nachhaltigkeitsziele der UN berücksichtigen. Unter dem Titel „UN-Ziele zum Investmentfall machen“, hat sich Bergius in der internationalen Szene der institutionellen Investoren umgehört.
Dabei hat sie im Handelsblatt erstmals eine Tabelle veröffentlicht, in der die ökonomischen Auswirkungen „globaler Lasten“ (Global burden) als Anteil am Welt-Bruttosozialprodukt berechnet werden.
Überraschung: Nicht der Klimawandel, den aufzuhalten nicht wenige als Hauptaufgabe der 17 UN Nachhaltigkeitsziele sehen, Gewalt und bewaffnete Konflikte sind die größten Schädiger der ökonomischen Entwicklung (siehe Grafik links).
Das Basel Institute of Commons and Economics hat im Dezember 2017 in der UN IATF on Financing Development erstmals Frieden als Business Case bezeichnet und berechnet, wie viele Mittel zur Erreichung der UN-Ziele frei würden, wenn es gelänge, Konflikte mit diplomatischen Mitteln auszutragen.
Die Vorschläge werden – wie das Handelsblatt berichtet – nicht nur in der UN, sondern auch von institutionellen Investoren diskutiert.

 

 

 

 

 

 

 

Welche sozialen Güter braucht man für viele Sozialwohnungen?

Während der Grossteil der Projekte des Basel Institute of Commons and Economics inzwischen weltweit stattfindet, so der World Social Capital Monitor und die Studien zur Wechselwirkung und Finanzierung der  17 Nachhaltigkeitsziele der UN, bleibt der deutschsprachige Raum noch immer Ursprung und Zentrum dieser Form der intellektuellen Entwicklungshilfe und Völkerverständigung.
Zögerlich, aber immerhin überhaupt, haben der Kanton Basel (2010) und das deutsche Entwicklungsministerium BMZ (2015) erste Studien zum Wert von Gemeingütern und Sozialkapital in Auftrag gegeben – Studien, ohne die es die weltweite Bewertung von Sozialkapital heute nicht gäbe.
Was sind nun die Besonderheiten der nicht-materiellen Güter in diesen drei Staaten?
Wählen wir einen ungewöhnlichen Weg, nämlich den Vergleich der Anzahl der Sozialwohnungen. Wie wir in unserer neuen Version von Was ist Sozialkapital 2018 aufzeigen konnten, unterscheidet sich die Zahl der Sozialwohnungen im Verhältnis zur Einwohnerzahl erheblich (siehe Grafik). 

Versuchen wir, diese Unterschiede zu erklären: Die Baukosten sind in Deutschland viel höher als in Österreich und der Schweiz? Die Schweizer und Österreicher verdienen einfach so viel weniger als die Deutschen und benötigen deshalb mehr Sozialwohnungen? Österreich und Schweiz sind sozialistische Systeme, in denen das Recht auf Privateigentum mißachtet wird?

Nein, alle drei Länder haben fast gleiche Rechts- und Steuersysteme, gesetzliche Rentenversicherung und staatlich kontrollierte Löhne und Mieten. Alle drei bieten Sozialhilfe, freie Schule und Universität sowie kostenlose Gesundheitsversorgung für Niedrigverdiener und Arme an. Auf der Suche nach Erklärungen für einen doch sehr körperlichen und materiellen Akt, nämlich die Bereitstellung von Wohnraum, stossen wir auf diese Tabelle:

Wäre es denkbar, dass es in den drei Ländern etwa nicht-materielle Einstellungen geben könnte, die sogar den Wohnungsbau beeinflussen? Den statistischen Ämtern wären diese unbekannt, da es bisher keine anerkannten Methoden und Verfahren zur Bewertung nicht-materieller Güter gibt.
Allerdings ist den statistischen Ämtern auch die Zahl der Sozialwohnungen und die Zahl der Armen und Arbeitslosen unbekannt.
Die hier erstmals päsentierte Tabelle stammt aus den Ergebnissen der deutschen Version (CH: Deutsch und Französisch) des Sozialkapitalmonitors, die Sie hier einfach selbst testen können: https://trustyourplace.com/?lang=de

Wir zeigen diese Ergebnisse ungern, denn zahlreiche Ministerien und Verwaltungen in allen drei Ländern lehnen die Bewertung und Einbeziehung nicht-materieller Einstellungen und Güter leidenschaftlich ab.

Dabei hätten sie dazu keinen Grund: Selbst in Deutschland sind mehrere soziale Güter im internationalen Maßstab sehr hoch bewertet, so die Hilfsbereitschaft (7,0) und die Bereitschaft, Steuern zu bezahlen (7,2).

Nur Sozialwohnungen können die Deutschen nicht. Wahrscheinlich fehlt es ihnen an Vertrauen (6,3) dass diese auch nur an wirklich Bedürftige gehen und an der Freundlichkeit (6,5) und Gastfreundschaft (6,0), die Sozialwohnung auch armen Einwanderern zu gönnen, die zumindest in der Schweiz die Hauptnutzer dieses Gemeingutes sind.
In Österreich konnten Niedrigverdiener einen Rechtsanspruch auf eine Sozialwohnung ebenso durchsetzen, wie die im Durchschnitt doppelt so hohe Rente (im Vergleich zu Deutschland) und die Auszahlung eines fast steuer- und abgabenfreien 13. und 14. Monatsgehaltes. Oder, kehren wir es um: In Österreich und der Schweiz sieht die wohlhabende herrschende Klasse keinen Grund, dem Volk das Leben zusätzlich zu erschweren und zu vermiesen. Sie möchte vom Volk respektiert und unterstützt werden. Den deutschen Eliten ist das egal. Sie werden erst dann Sozialwohnungen bauen, wenn durch Streiks und gewaltsame Demonstrationen die Gefahr besteht, dass ihre eigenen Pfründe wie die der Steuer- und Abgabenbefreiung in Gefahr geraten.

Deutsche Städte im Sozialkapitalmonitor – erste Ergebnisse und Ausblick

Bereits seit 2011 testet das Basel Institute of Commons and Economics den Sozialkapitalmonitor auch in der Bundesrepublik Deutschland.

Anreiz Gewerbesteuer: So stellten sich viele Städte ihren öffentlichen Raum vor.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erläuterte Alexander Dill damals die ersten Ergebnisse aus München. Inzwischen liegen zu deutschen Städten, Dörfern und Stadtteilen aus allen Gegenden Deutschlands erste anonyme Bewertungen vor. Nicht einmal 7 Prozent der Befragten machen jedoch von ihrem Recht Gebrauch, auch ohne E-Mail-Adresse zu bewerten. Damit sind sie nicht allein: In Kambodscha etwa verzichten nur 3 Prozent auf die Angabe ihrer Mail-Adresse.
Dieser große Vertrauensbeweis in den Sozialkapitalmonitor zeigt, dass kaum ein Teilnehmer wünscht, dass seine Bewertung nicht zählt oder gesondert ausgewertet wird. Diese Würdigung jeder Einzelwertung soll auch in der Präsentation der Ergebnisse fortgesetzt werden. Da die Teilnehmer ihre Postleitzahl angeben, gibt es echte lokale Ergebnisse auch für kleine Gemeinden mit 5000 Einwohnern, für Stadtteile und sogar Straßenzüge innerhalb von Städten.

Bewertet werden acht lokale soziale Güter auf einer Skala von 10 (hoch) bis 1 (niedrig). Diese ersten Ergebnisse beanspruchen keine Repräsentativität. Sie zeigen aber bereits die Bandbreite der Bewertung. Im Prozess der Validierung, den man anhand von Beispielen und Zeitreihen im Methodologiepapier nachlesen kann (leider nur Englisch), wird jedoch erstmals bewiesen, dass auch kleinere Stichproben valide Ergebnisse liefern.
Der Grund dafür ist in erster Linie die Art der Fragestellung, bei der die Befragten nicht nach einer subjektiven Meinung (wie etwa in der ‚Sonntagsfrage‘ zu den Wahlen) gefragt werden, sondern danach, wie der allgemeine Zustand der sozialen Güter an ihrem Ort ist. Die Bürgerinnen und Bürger werden also selbst als kompetente Auskunftgeber und Analysten ihres Ortes behandelt, nicht nur als Objekte der Datensammlung.
Dementsprechend groß ist der Widerstand von Institutionen, die bisher nur Repräsentativpanels und aggregierte Daten der statistischen Ämter als Datenquellen akzeptieren.
Open access – so nennt man im Englischen den unbeschränkten Zugang der Bürger zu Daten jeder Art. Allerdings wird damit bisher nur die passive Datennutzung ermöglicht, nicht aber die Möglichkeit, durch eigene Daten das soziale und politische Leben zu beeinflussen.
Mit dem deutschen Sozialkapitalmonitor finden nun die neuen Technologien auch den Weg in die Bürgerbeteiligung an der Datengewinnung von Städten und Gemeinden.
Unterstützen Sie diesen Weg durch die Teilnahme Ihrer Stadt am deutschen Sozialkapitalmonitor!

Sozialkapital – das sind soziale Güter wie Vertrauen, Solidarität, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Wenn sie fehlen, stürzen Gemeinschaften andere und sich selbst in die Krise.

Nach den Bundestagswahlen steht Deutschland vor einer Neuordnung der politischen Landschaft. Sehen Sie hier den Tagesschau-Beitrag von Henning Winter (8 Minuten) über den Vorschlag des Basel Institute of Commons and Economics, das deutsche Sozialkapital durch eine Allparteienregierung zu fördern:

Wie aber kann Sozialkapital gemessen und bewertet werden?

Logo_neu_grossDie acht Fragen des Social Capital Assessment können inzwischen in zahlreichen Sprachen im Internet wie mobil auf www.trustyourplace, dem Frageportal des Basel Institute of Commons and Economics beantwortet werden. Damit wird das Portal zu einer Social Media Anwendung zur Identifikation, Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung von zentralen Elementen des Sozialkapitals.

Nach Studien in Basel, München, Nepal und Brasilien hat das Basel Institute of Commons and Economics eine Methode entwickelt, anonym und ohne Erfragung von konfliktträchtigen Auskünften zu politischer, ethnischer und religiöser Zugehörigkeit interkulturell acht Elemente überbrückenden Sozialkapitals zu bewerten.

Welchen praktischen Sinn hat die Messung von Sozialkapital?

Beschäftigt man sich mit der bisherigen Geschichte der Erforschung von Sozialkapital, bekommt man leicht den Eindruck, es handle sich um die theoretische Diskussion von Konzepten von Sozialkapital. Für Entwicklungsländer und Länder in Krisen und Konflikten, die meist über keine finanziellen Ressourcen etwa durch Steuereinnahmen oder durch die Ausgabe von Staatsanleihen verfügen, sind nicht-materielle soziale Güter oft der einzig verfügbare Wert der Gemeinschaft.
Wie Pahlaj Moolio, Professor an der Pannasastra-University of Cambodia im folgenden Interview ausführt, bringt bereits das neugeborene Kind Sozialkapital in Form von Freundlichkeit mit auf die Welt. Diese Freundlichkeit wiederum erweckt die Hilfsbereitschaft, das Vertrauen und die Solidarität in der Familie. Das heranwachsende Kind wird selbst zu einem aktiven Träger von Sozialkapital und bestätigt und erneuert es.
Ob Banking oder Tourismus, ländliche Entwicklung oder Organisation der Gemeinschaft – der Erfolg der Gesellschaft basiert auf geteilten sozialen Gütern, die wir als „Sozialkapital“ messen und bewerten können, wie die Beispiele von Pahlaj Moolio zeigen:

Das Basel Institute of Commons and Economics hat sich auf die Identifikation, die Bewertung, den Erhalt und die Förderung von überbrückendem Sozialkapital spezialisiert. Mit Studien u.a. in Afghanistan, Brasilien, Kambodscha, Nepal, Basel und Bayern werden regionale Besonderheiten identifiziert und gewürdigt. Einige Beispiele:

  • In vielen Entwicklungsländern sind Freundlichkeit und Gastfreundschaft viel höher bewertet als etwa in Deutschland und der Schweiz.
  • In Mittel- und Nordeuropa ist die Bereitschaft, öffentliche Güter durch Steuern und Abgaben mit zu finanzieren, besonders hoch.
  • In Bangladesh, Nepal, Kambodscha und anderen Entwicklungsländern sind ein Grossteil der Menschen selbständig. Sie haben daher eine besonders hohe Bereitschaft, in kleine Unternehmen und Genossenschaften zu investieren.
  • Interpersonales Vertrauen wird benötigt, wenn die Transaktionskosten im wirtschaftlichen Austausch niedrig sein sollen. In Japan und Dänemark ist das Vertrauen unter den Menschen aussergewöhnlich hoch.

Bei der Bewertung von Staaten – dies ist ein Ergebnis der Studie, die das Basel Institute für das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung angefertigt hat – wurden bisher Maßstäbe verwendet, die Entwicklungs- und Krisenländer benachteiligen. So werden fast ausschließlich Güter bewertet, die direkt und indirekt vom Bruttosozialprodukt pro Kopf abhängen, so etwa Sicherheit, Abwesenheit von Korruption, Lebenserwartung, Bildung, Gesundheit, Rechtssicherheit und Berufschancen.

Überbrückendes Sozialkapital dagegen stellt einen – dies zeigen die bisherigen Umfragen – einen vom Bruttosozialprodukt unabhängigeren Indikator dar, wie im Beispiel von Freundlichkeit und Gastfreundschaft aufgezeigt.

Damit wird die Berücksichtigung und Förderung von Sozialkapital zu einem wesentlichen Element der Unterstützung für Entwicklungs- und Krisenländer, indem vorhandene Stärken erkannt und gefördert werden.

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Auf dem World Social Capital Forum in Göteborg  (ganz links Alexander Dill vom Basel Institute)

 

 

 

 

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admin am Juli 17th 2010

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